Das Café als Jungbrunnen

Samstag 4. September 2010 | Tag des Kaffees | Kaffee Wissen

von Manuel Fischer

Das Café als Jungbrunnen

Im «Café» wird nicht nur Kaffee getrunken, sondern auch Musik gehört, Zeitung gelesen, getratscht und sogar getanzt. Es fehlt nicht an neuen Konzepten, die lebhafte Kaffeekultur von einst wiederzubeleben.

Kaffee auswärts zu trinken, galt bei der Jugend bis vor kurzem noch als uncool. Das Vorurteil, nur Kaffeetanten würden Cafés aufsuchen, war zwar nie richtig, trug aber dazu bei, ein verstaubtes Image zu schaffen. Nie aus der Mode kam das Caffè in Italien, wo Geschäftsleute ihre Arbeitspausen an der Bar verbringen und Angestellte vor dem Heimweg sich noch einen Espresso genehmigen. In den USA waren «coffeehouses» in den 50er-Jahren auch Schauplatz einer Gegenkultur zum Establishment. In diesen alkoholfreien Lokalen konnten sich Jugendliche zwanglos treffen. Hier hatten Folksänger wie Joan Baez und Bob Dylan ihre ersten Life-Auftritte. Seitdem eine neue  Generation von Gastronomen den Kaffee zum Trendthema machen, wird das «Kaffeehaus» auch in der Schweiz wieder wie neu entdeckt.

Systemgastronomie mit Kaffeekompetenz

Weltbekannt wurde der kometenhafte Aufstieg von Starbucks zu einem börsenkotierten Unternehmen mit über 15000 Standorten in 44 Ländern. Die Kette betreibt in der Schweiz mittlerweile 42 Filialen. Erst 2001 begann sie mit ihrem Siegeszug durch den europäischen Kontinent – mit dem Lokal am Zürcher Central! Die Heissgetränke werden in unterschiedlich grossen Mugs oder Take-away-Pappbechern angeboten. Starbucks Coffeehouses laden zum gemütlichen Verweilen ein. Stundenlang auf dem Sofa fläzen und Magazine durchzublättern ist erlaubt und entspricht sogar dem Konzept. «Jeder kann so lange bleiben, wie er will», betont Starbucks-Sprecher Reto Zangerl. Als ebenso erfolgreich erweisen sich die zur Valora-Gruppe gehörenden «Spettacolo»-Bars mit 32 Standorten im ganzen Land. Beide Kaffeeketten demonstrieren Kaffeekompetenz. Es gibt aber auch Unterschiede. Starbucks offeriert im Wochenturnus den «coffee of the week» aus speziellen Anbaugebieten. Und Spettacolo-Baristi fragen die Gäste, ob sie den Kaffee mit hellem, mittlerem oder dunklem Röstgrad möchten. Ferner: «Unsere Gästeräume sind kleiner, die Kaffeetassen entsprechen Schweizer Grössen, und im Durchschnitt bleibt ein Gast nicht länger als 10 Minuten bei uns», sagt Spettacolo-Chef und Cafetierverbandspräsident Hans-Peter Oettli. Diese «Schweizer Kaffeekultur mit italienischem Ambiente» ist häufig an grossen Bahnhöfen und in Einkaufszentren zu finden.

Sehnsüchte wecken

Auch junge unabhängige Gastronomen stellen das Thema Kaffee ins Zentrum ihres Angebots. Im Zürcher Lokal Bohemia nähren Schwarz-weiss-Fotos und vergilbte Plakate Sehnsüchte nach einem lebensfrohen Südamerika, wo das Leben zwar hart, aber herzlich und nicht so hektisch ist. Die Kaffeesorten und die Hausmischung werden zweimal pro Woche in der gut sichtbaren Trommelmaschine im Café geröstet. Auf dem Parkettboden lässt sich das urbane Publikum am Wochenende gerne zum Salsatanzen hinreissen. Auch in der Bundeshauptstadt wird Kaffeekultur zelebriert. «Mit der Eröffnung von Adriano’s Bar& Café in Bern bereits im Oktober 1998 hatten wir  einen echten Wettbewerbsvorsprung», sagt Initiator Adrian Iten, der drei Jahre in den USA lebte und die diversen Coffeeshop-Konzepte kennenlernte. Im Berner Ausgangsrayon bestens etabliert, bietet sein Lokal vis-à-vis vom Zytglogge-Turm nebst italienischer Kaffeekultur amerikanische Snacks, eine Auswahl internationaler Zeitungen und viel Tuchfühlung. Wer einen Barstuhl ergattern will, fragt im dicht gedrängten Lokal am besten den Nachbarn oder die Nachbarin, die vielleicht vergebens auf ihr Date wartet! Einen besonderen Reiz bietet auch das im Zürcher Stadtkreis 5 angesiedelte Café Noir, eine Mischung aus Delikatessengeschäft, Kaffeerösterei und Kleinstlokal. An Seminarien können dort Interessierte Einblicke ins Handwerk der Kaffeeröstung gewinnen.